Der hält sich für ’nen Dobermann

Heute mal ein Thema, das sicher alle kennen, und das mich persönlich wirklich sehr beschäftigt. Da wir heute wieder ein Paradebeispiel erlebt haben, wollte ich die Situation mal aufgreifen und darüber schreiben.

Kleine Hunde, die vor Selbstbewusstsein schier zu platzen drohen.

Wir waren heute Morgen im Wald unterwegs, kaum ein paar Meter gelaufen trafen wir auf zwei Menschen mit zwei Hunden – ein mittelgroßes Wuscheltier und ein Chihuahua. Ich nahm meine Hunde also zu mir, Wuschel samt Zweibeiner wichen zur Seite, der Besitzer des Chihuahuas auch, der Hund selbst allerdings nicht. Er hatte keine Intention selbstständig auszuweichen und auch der Besitzer kam nicht auf die Idee seinen Hund mal zu sich zu nehmen. Wir gingen also vorbei und es kam wie es kommen musste, der Chihuahua legte die Ohren an, wedelte mit tiefer Rute, stampfte mit den Vorderbeinchen und kläffte was das Zeug hält. Meine Hunde tangiert das nicht wirklich, sodass wir problemlos vorbei gehen konnten, aber darum geht es auch gar nicht. Als wir vorbei waren, brachen die Zweibeiner hinter uns in Gelächter aus. „Der hält sich für ’nen Dobermann“, hörte ich den Besitzer des Zwergs witzeln.

Das Einzige, was mir in diesem Moment durch den Kopf ging war, dass der Kleine sich gewiss nicht für einen Dobermann hält, vielmehr seinen Mensch für eine Pfeife.

Hat er nicht ganz unrecht. Denn wieso hat denn ein Hund die Intention in einer Hundebegegnung nach vorn zu gehen? Ganz einfach, weil er gelernt hat, dass sein Zweibeiner die Situation nicht im Griff hat und auch keinerlei Interesse hat diese zu regeln. Das beginnt bereits damit, dass man den Hund in der Hundebegegnung voraus laufen lässt und ihn zum anderen Hund hin ziehen lässt. Ich bin kein Verfechter von Rudel-Theorien à la gehe immer vor dem Hund durch die Tür oder der Mensch isst immer zuerst, aber ganz ehrlich?! Wie will ich denn in einer solchen Position noch auf den Hund einwirken oder ihm Sicherheit vermitteln, ihn vor anderen Hunden abschirmen? Der Hund hat doch keine andere Wahl als anzunehmen, dass sein Mensch ihm diese Aufgabe überlässt. Wird der Mensch dann noch hektisch, ist es mit der Glaubhaftigkeit auch dahin und nein, es wird auch sicher nicht besser, wenn man Witze über seinen Hund macht.

Nun ist es in der Regel so, dass eine solche Problematik bei einem großen Hund schnell sehr anstrengend und unter Umständen auch gefährlich wird, sodass man zumindest versucht an der Sache zu arbeiten. Bei Mini-Hunden ist dem offensichtlich nicht so. Die kann man prima halten, auch wenn sie all ihre Kraft einsetzen und überhaupt – der Hund hat ja ein Selbstbewusstsein, mit dem man ein Rudel traumatisierter Straßenhunde ausstatten könnte. Leute, wacht doch bitte mal auf!

Für einen solchen Hund ist die ganze Welt vor allem eines, nämlich riesengroß!

Fast alles, was er draußen erlebt, ist größer als er. Versucht doch mal euch die Welt aus dem Blickwinkel eures Hundes vorzustellen. Es gibt Dinge, die beängstigend sind. Und es gibt nichts schlimmeres für einen Hund als zu lernen, dass es seinem Zweibeiner vollkommen egal ist ob er Angst hat. Er lernt, dass er komplett allein ist, dass man ihm Gefahren aussetzt und ihn am Ende auch noch auslacht. Ist das denn wirklich erstrebenswert? Ganz und gar nicht.

Ich persönlich halte sehr viel davon, meine Hunde zu schützen, wenn ich das Gefühl habe, dass sie sich unwohl fühlen oder mit einer Situation überfordert sind. Ich gebe ihnen Halt und Sicherheit und bekomme als Dank ihren Respekt, auch in für uns brenzligen Situationen. Weil sie gelernt haben, dass sie sich auf mich verlassen können, dass ich Außenreize erkenne und entsprechend agiere. Und ja, wenn ich einen Zwerg hätte, dann würde ich ihn selbstverständlich auch mal auf den Arm nehmen, wenn kein Zweifel daran besteht, dass er meinen Schutz sucht. Das hat nichts, aber wirklich gar nichts damit zu tun, seine Angst zu verstärken, sondern zeigt ihm lediglich: Ich sehe dich, ich bin da, ich passe auf dich auf.

 

5 Kommentare

  1. Wirklich toller Arikel, ich sehe auch so oft Leute mit kleinen Hunden die wie verrückt kläffen und an langer Flexieleine vorlaufen. Die Besitzer meinen dann eben: Ist ja nur ein kleiner Hund oder ja die Kläffer halt.
    Und wie du sagst, bei kleinen Hunden stört es kaum jemanden, aber für den Hund muss es ein Wahnsinn sein so viel Verantwortung zu tragen ohne Schutz von seinem Besitzer zu kommen in solchen Situationen.

    GLG Jasmin mit Nala & Vani

  2. Hast Du toll geschrieben. Gerade gestern saß ich in der Küche neben meinem Hund und habe Kopf neben seinem gehabt und da schaue ich hoch zu meinem Mann, wow war der riesig, irgendwie fiel der Raum auf mich…Und wie ist es wohl bei den Mini-Rassen, wo viel Besitzer sich gar nichts denken und schon gar nicht erziehen, es ist ja schließlich nur ein Spielzeughund….
    LG Michaela

    1. Ja, leider wirklich sehr, sehr traurig. Viele Hunde werden gar nicht als solche wahrgenommen und einige Hundebesitzer wissen gar nicht was sie ihren Hunden damit antun, wenn sie sie einfach nicht ernst nehmen und ihre Bedürfnisse nicht erkennen.

  3. Ich bin Besitzerin zweier kleiner Hunde. Und ich kenne die andere Seite. Eine der Mäuse hat lange auf der Strasse gelebt und es nicht leicht gehabt, Nun hat Sie gelernt, wenn Sie nur genug Krach macht, die Hunde auf Abstand bleiben. Selbst Ihre „Budys“ werden erst einmal mit eingezogener Rute und bellend begrüsst, Bis Sie merkt das es ok ist. Wir arbeiten an der Belerei und der Angst, aber wie du weisst ist so ein tief verwurzeltes Verhalten nur schwer zu lösen. Allerdings lass ich Sie auch nicht wild auf die Hunde los. Sie wird ran gerufen und muss bei mir auf den Hund warten. Aber das Bellen lässt Sie dennoch nicht…

  4. Wir üben täglich das vorbeilaufen an fremden Hunden ohne durchzudrehen. Schröder, ein junger Mix aus Bretone und X Ist noch ziemlich unsicher und schießt oft in die Leine Richtung „Fremdling“. Häufig bekommen wir zu hören wie unerzogen und böse unser Hund sei. Niemanden interessiert es, dass wir trainieren. Und kläfft „Malteser-Fremdling“ ununterbrochen und fletscht die Zähne in unsere Richtung hat der kleine immer Angst vorm großen, bösen Kollegen. Aber am besten sind die Hundebesitzer, die ihre Hunde einfach zu jedem „Fremdling“ lassen. Als würde ich in der Stadt jeden persönlich mit Handschlag begrüßen, geschweige denn am Hintern schnuppern ;)

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