Leinenführigkeit wird überbewertet

Der Meinung ist jedenfalls Berti. Für mich ist es eines der wichtigsten Basics in der Hundeausbildung, weil es mir besonders mit drei Hunden das Handling ungemein erleichtert und ich somit wesentlich entspannter durch den Alltag komme.

Nun, wie gesagt, Berti sieht das anders. Als er vor etwa einem Jahr zu uns kam, sah das alles noch ganz gut aus. Berti ließ den Streber raushängen, meisterte jede Übung mit Bravour, ging brav an der lockeren Leine, was wir natürlich regelmäßig übten. Irgendwann änderte sich seine Einstellung diesbezüglich – ich kann gar nicht mehr so wirklich sagen ob das von jetzt auf gleich oder eher schleichend geschah – jedenfalls warf uns eine Kombination aus ‚ich-bin-angekommen‘ und einer guten Portion Pubertät zurück auf Null. Vielleicht sogar etwas in den Minusbereich.

Berti kannte mich draußen nur noch als (ich glaube noch nichtmal lästiges) Gewicht am Ende der Leine, kämpfte sich mit aller Kraft auf dem Bauch liegend vorwärts und unterlag dabei völliger Reizüberflutung. Für Futter war er draußen absolut nicht empfänglich, den Dummy, den ich gern als externe Bestätigung nutze, konnte ich nur sehr bedacht einsetzen. Die nächste Überlegung war also auf Handfütterung umzustellen, wie ich es auch einst mit Kito und Maya gemacht habe. Ich muss gestehen, dass ich dazu einfach zu faul war. Da meine Hunde roh fressen, ist die Handfütterung dabei kein allzu großer Spaß (ich spreche schließlich aus Erfahrung) und komplett auf Trockenfutter umstellen wollte ich nun auch nicht. Ich bin mir sicher, dass eine zumindest vorübergehende Handfütterung unseren Erfolg im Training beschleunigt hätte, andererseits habe ich es nicht eilig und entschied mich somit dagegen.

Natürlich zählt Futter trotzdem zu unseren Verstärkern, vielmehr setze ich bei Berti aber auf Umweltverstärker – ich belohne ihn also mit etwas, das er selbst als interessant empfindet, wenn er im Vorfeld ein von mir gewünschtes Verhalten zeigt und arbeite viel über Markertraining.

Weiterhin arbeite ich über duale Führung. Das heißt Berti trägt ein Geschirr und ein Halsband – am Geschirr hat er Freizeit und darf somit auch ziehen, soll jedoch lernen sich in einem bestimmten Radius aufzuhalten. Möchte ich gezielt an der Leinenführigkeit arbeiten, leine ich bewusst ans Halsband um und vermittle ihm, dass er anständig neben mir gehen soll.

Nachdem ich lange Zeit das Gefühl hatte, dass wir auf der Stelle gehen, zeigen sich ganz allmählich erste kleine Erfolge. In reizarmen Gegenden oder Gebieten, die Berti schon gut kennt, sucht er häufig Kontakt und kommt vorm Ende der 10-Meter-Schlepp zum Bremsen. Auch an der kurzen Leine kann er sich immer besser konzentrieren und scheint sich irgendwie damit anzufreunden, dass man auch als junger Bretone tatsächlich Schritt gehen kann. Bis dahin hat Berti mich allerdings schier zum Verzweifeln gebracht. Ich habe neben meinen eigenen Hunden schon viele Hunde im Training an der Leine gehabt – bei den meisten vermeintlich hoffnungslosen Fällen klappte die Leinenführigkeit bereits nach wenigen Wiederholungen.

Aber nicht bei Berti. Alles was ich zuvor als hilfreich empfand, lief bei ihm ins Leere. Bei einfachen Richtungswechseln schoss Berti ungebremst in die andere Richtung und wurde dabei immer aufgedrehter. Genauso, wenn ich ihm den Weg abschnitt. Blockte ich ihn über meinen Körper, versuchte er sich irgendwie an mir vorbei zu kämpfen. Markersignale für Blickkontakt oder auch nur das Laufen neben mir, drangen nicht zu ihm durch. Stehen bleiben sorgte für noch kräftigeres Ziehen nach vorne oder wahlweise schnüffeln gehen. Ja, er hat mich schier zum Verzweifeln gebracht.

So sieht unsere Leinenführigkeit heute aus. Wir üben immer wieder in kleinen Abschnitten und machen momentan wirklich tolle Fortschritte. Was lange währt, wird endlich gut. [da darf er auch gern zwischendurch mal auf meine Jackentasche schielen]

Und was ist nun mein Geheimrezept? Natürlich gibt es keins, wenn es aber eine Sache gibt, die euch im Training hundertprozentig weiterbringt, dann ist das Geduld. Wenn gewisse Dinge einfach nicht funktionieren wollen, dann liegt das nicht unbedingt daran, dass die Methoden nichts nutzen oder Hund und Halter unfähig sind, sondern vielmehr daran, dass manche Hunde eben mehr Zeit brauchen um gewisse Dinge zu lernen. Beim einen ist’s die Leinenführigkeit, beim anderen das zuverlässige Abliegen oder oder oder…

Die Schwierigkeit im Hundetraining liegt in gewisser Weise doch auch immer ein wenig darin, dass wir unseren Hunden häufig Dinge vermitteln wollen, die in ihren Augen keinen Sinn machen. Wieso sollte ich langsam laufen, wenn ich doch unter Leinenzug viel schneller an mein Ziel käme? On top möchte ich behaupten, dass wohl alle Hunde – meine eingeschlossen – damit bereits Erfolg hatten. Ich ziehe – ich komme an mein Ziel – selbstbelohnend! Anstatt also voreilig zu kapitulieren oder im schlimmsten Fall zu irgendwelchen Erziehungsgeschirren, Haltis oder Würgehalsbändern zu greifen, versucht euch doch mal ein wenig in die Lage eures Hundes zu versetzen. Wieso sollte er das machen, worin liegt sein Vorteil bei der Sache? Hinterfragt eure Vorgehensweise und überlegt euch ob ihr als Hund freudig kooperieren würdet. Ja? Dann weiter so – die Zeit wird es bringen. Nein? Dann überdenkt eure Methode doch einmal und versucht einen Weg zu finden, der euch und eurem Hund in erster Linie Spaß macht.

 

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