Und plötzlich hat man seine Ziele übertroffen

Ziele, von denen ich nie geglaubt habe, sie erreichen zu können.
Bei denen ich dachte „Hey, und wenn wir nur nah dran sind, ist das auch schon gut!“.
Die ich schon dann und wann an den Nagel gehängt und aus den Augen verloren habe.
Aber vielleicht war das genau das Richtige.

 

Zugegebenermaßen habe ich mich in letzter Zeit öfter mal ein bisschen über Kito geärgert. Naja, nicht direkt über ihn und nicht im Bösen, aber es gibt immer mal wieder Phasen, da ist er völlig in seiner Welt und scheint von allem anderen nicht viel mitzubekommen. So auch in letzter Zeit. Ich spreche ihn an – er schnuffelt am Grashalm, ich spreche ihn nochmals an – er schaut kurz und schnuffelt dann weiter…oder trödelt eben einfach so seines Weges. Da wir aber momentan aufgrund der Temperaturen kaum zum Spazieren und erstrecht nicht zum Trainieren kommen, sei ihm das verziehen und ich kann darüber schmunzeln. Generell geniessen die beiden Großen inzwischen fast ein bisschen Narrenfreiheit. Im Notfall aber weiß ich – der Rückpfiff sitzt.

Gemerkt haben wir das gerade gestern. Wir waren gerade auf unserer morgendlichen Mini-Runde. Bis auf die hohen Maisfelder haben wir über den Acker wieder freie Sicht. Wir nähern uns einer brenzligen Stelle – rechts und links Mais, dazwischen ein gepflügter Acker. Die Hunde und ich wissen, dass dort häufig Hasen sitzen, entsprechend liegt ein wenig Anspannung in der Luft. Normalerweise nehme ich die Hunde frühzeitig zu mir, damit ich als erste einen Blick auf’s Feld erhaschen kann. Gestern nicht. Wir schlendern vor uns hin, die Sonne knallt bereits mit voller Kraft und ich bin mit Gedanken überall, bloß nicht bei den Hunden oder irgendwelchen Hasen. Noch bevor ich reagieren kann, schiesst Kito um die Ecke des Maisfelds und rennt auf die dort sitzenden Hasen zu. Verdammt. Ich male mir im Kopf bereits schlimme Szenarien aus, ärgere mich, dass ich nicht aufgepasst habe, greife pessimistisch zur Pfeife und…Kito dreht ab und kommt in einem Affenzahn auf mich zu gerannt. Wir freuen uns nen Keks und können die Runde völlig entspannt und leinenlos fortführen.

Ein toller Tag, besser kann’s kaum werden…oder doch? Später machen wir uns auf zum Stall, Kito darf mit, wir gehen ausreiten. Da unser Stall direkt am Waldrand liegt, hat es dort Wild ohne Ende – ich hoffe also einfach, dass sich das Wild um die Mittagszeit irgendwo anders rumtreibt. Tut es aber natürlich nicht. Kaum sind wir im Wald, hüpft drei Meter neben uns ein Reh aus dem Gebüsch und ergreift die Flucht. Pferd glotzt, Hund steht nebendran, macht keine Anstalten. Braver Hund. Ob er es vielleicht nicht gesehen hat?! Wir gehen also weiter.

Mein Pferdchen, Chesmo, ist heute irgendwie ungewöhnlich nervös und ich somit noch wachsamer als sonst. Rascheln hört man es dann und wann aus allen Ecken, sehen tue ich im Spiel von Licht und Schatten nicht wirklich viel. Das Pferd aber schon. Aufmerksam gespitzten Ohren folgt ein Satz zur Seite als sich plötzlich neben uns eine Gruppe von sicherlich zehn oder zwölf Rehen in Bewegung setzt und durchs Dickicht davon rennt. Ach du heilige Scheisse! Ich habe alle Hände voll zu tun damit Chesmo sich nicht um den nächsten Baum wickelt und erhasche erst als er sich einigermaßen beruhigt hat einen Blick auf Kito, der sichtlich angespannt, aber ruhig neben uns steht und mich aufmerksam anschaut. Mein Herz schlägt immernoch bis zum Hals, meine Hände zittern und ich weiß gar nicht so recht wie ich reagieren soll. War das gerade wirklich passiert? Ist neben uns gerade ein Haufen Rehe losgedampft und mein Jagdhund hat keinen Mucks gemacht, ist einfach brav an meiner Seite geblieben? Ja, genau das war passiert. Ich lobe Kito, doch irgendwie wirken meine Worte in der Aufregung leer. Wir gehen also weiter, raus aus dem Wald, wo sich Chesmo allmählich etwas beruhigt und auch mein Puls sich wieder normalisiert.

Die restliche Runde gehen wir ganz entspannt durch Felder und Wiesen, Kito weicht mir nicht von der Seite bis wir schliesslich in den Hof einbiegen und ich froh bin, dass wir diese Runde so gut gemeistert haben. Da habe ich aber die Rechnung ohne die Hofkatze gemacht. Ihr kennt sicherlich das Gefühl, wenn die Anspannung endlich abfällt? Genauso schnell ist sie wieder da als ich vor uns an der Ecke der Scheune dieses kleine, schwarz-weiße Fellknäuel entdecke. Ob Kito sie direkt gesehen hat – ich weiß es nicht. Jedenfalls geht er ganz selbstverständlich mit mir dran vorbei, ich kann schliesslich absteigen und lege Kito die Leine an. Da in unserem Stall Leinenpflicht herrscht, ganz selbstverständlich. Die Katze macht sich nichts weiter draus und kommt auf uns zu. Mir schiessen schon wieder Bilder durch den Kopf – vor einigen Monaten hatte sich eine Katze in unserem Treppenhaus verirrt und wäre Kito fast zum Opfer gefallen. Kito und Katzen – keine gute Idee! Die Katze kommt dennoch näher und ich behalte Kito’s Körpersprache genau im Auge. Er scheint etwas überrascht, dass die „Beute“ sich so nah heran traut, ist aber friedlich. Ich lege Kito ab, streichel die Katze, dann wieder Kito…bis die beiden sich sogar kurz beschnuppern. Am Ende liegen sie da gemeinsam unterm Tisch, ich kann mich um Chesmo kümmern und in meinem Kopf flattern die Erlebnisse des Tages umher.

Erst als Chesmo versorgt ist, wieder bei seinen Kumpels auf der Koppel steht und ich mich schliesslich Kito zuwende, setzt sich das Erlebte ein wenig. Vorhin im Wald hatte ich nach den richtigen Worten gesucht. Nun habe ich sie – ich setze mich neben Kito auf die Wiese, drücke ihm einen Kuss auf die Stirn und flüstere „ich bin stolz auf dich!“. Im gleichen Moment kullert mir auch schon ein Tränchen über’s Gesicht und während wir da so sitzen und den Pferden auf der Koppel zusehen, scheint die Zeit irgendwie stillzustehen.

 

 

7 Kommentare

  1. Ohje, mir läuft gerade auch eine Träne übers Gesicht – nein was sag ich, eigentlich mehrere! ;)
    Ich kann ziemlich gut nachvollziehen, wie du dich fühlst und gefühlt hast! Ein wirklich toller Erfolg und das sind diese Momente, die einen entschädigen für all die Mühe, blöden Kommentare und aufgeschrammten Schleppleinenbeine.

    Du hast mir gerade ein bisschen Mut gemacht. Danke dafür!
    Gepunktete Grüße
    Katharina mit Milo

    1. Danke dir für die lieben Worte! :-)
      Und…immer dran bleiben! Wie oft wollte ich schon alles hinschmeißen – aber man muss an seine Ziele glauben :-)

  2. Was für schöne Erlebnisse und echte Gründe stolz auf Kito zu sein – da war es sicher schön, dass die Zeit für einen Moment stillgestanden hat!

    Liebe und verständnisvolle Grüße,
    Isabella mit Damon und Cara

    1. Vielen Dank! Es ist wirklich ein ganz besonderes Gefühl so etwas zu erleben :-)

  3. wow, einfach klasse. hatte vor kurzem auch so ein erlebnis. es macht einen unglaublich stolz und unsere babys zeigen einem das sie „erwachsen“ sind und wissen was wir von ihnen wollen.
    weiter so.
    LG Vanni mit Anhang

  4. Isabell Riemers sagt: Antworten

    Der Artikel liest sich wunderbar, und natürlich frag ich mich wie bekommt man das hin…?
    Meine Zweithündin ist auch ganz verrückt nach Katzen, und von Wild rede ich gar nicht erst :-(((

    Freue mich über eine Nachricht!

    Isabell

    1. Ein Patentrezept gibt es ja leider nicht…wir haben auch sehr viel probiert und trainiert, waren immer sehr fleissig. Wir arbeiten jetzt über drei Jahre sehr intensiv an der Jagdthematik und so langsam trägt es Früchte :-)

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