Der Jagdtrieb und ich – eine Hass-Liebe

Es macht Spaß ihnen zuzuschauen. Wenn sie Witterung aufnehmen, die Ohren stellen, wie sich jeder einzelne Muskel anspannt, bereit alles zu geben. Wie sich das Gewicht nach vorn verlagert, ein Zucken durch den Körper schießt. Und sie dann umdrehen und zu mir kommen. Dieser Trieb – mein größter Feind – fasziniert mich. Der schmale Grat zwischen einer kopflosen Hatz und der vollen Kontrolle.

Eigentlich wollte ich nie einen Jagdhund. Viel zu anstrengend. Dass mit Maya ein halber Cocker Spaniel, ein ausgezeichneter Stöberhund, bei uns einzog, war mir bewusst. Aber immerhin hat da noch ein Mops mitgemischt. So schlimm wird es schon nicht sein. Doch ich wurde eines besseren belehrt. Maya zeigte mir recht früh, was Jagdtrieb wirklich bedeutet und ich musste einsehen, dass die Theorie mit der Praxis nicht allzu viel zu tun hat. Wer mal das ein oder andere Buch gelesen hat weiß: Wenn man konsequent ist und Alternativen bietet, lässt sich der Jagdtrieb wunderbar in die richtigen Bahnen lenken. Klingt nach Kindergeburtstag. Bullshit. Der Vollblutjäger an meiner Seite sprengte jegliche Vorstellungen, die ich zum Thema Jagdtrieb hatte.

Wieso dann ein zweiter Jagdhund? Keine Ahnung. Ich mag sie einfach. Ihre Art, die Herausforderung, der Nervenkitzel auf dem Spaziergang? Als Kito bei uns einzog, war mein Gedanke „Viel schlimmer als Maya kann’s kaum werden“ und so hatte ich also zwei Jagdschweinchen an der Backe und stellte mich der Herausforderung.

Mit den Schleppleinen als Aushängeschild für „ich hab meine Hunde nicht unter Kontrolle“ kommt man natürlich schnell ins Gespräch. Mit Leuten, deren Hund auch jagt. Mhm. Dann wird geprahlt, wie toll sie ihren Hund inzwischen abrufen können oder welch Wunder ein kleiner Ball bewirken kann. Ganz ehrlich? Die meisten Hunde jagen, weil ihnen langweilig ist und sie keinerlei Grenzen oder Führung kennen und der Bewegungsreiz eines rennenden Hasen eine ganz nette Abwechslung ist. Denn Jagdhund hin oder her – rennende Beute findet fast jeder Hund spannend. Spannend heißt aber nicht, dass der Hund dafür alles vergisst. Und hier ist der kleine, aber feine Unterschied zwischen Jagdtrieb und Jagdtrieb. Wenn mir also wiedermal das Frauchen mit ihrem netten spanischen Mischling begegnet und wie so oft prahlt, dass sie ihren Hund mit einem halbherzig bis gar nicht aufgebauten Rückruf erfolgreich von einem Hasen abgerufen hat, der quasi direkt vor seiner Nase hochging, lächle ich nur noch nett und spare mir meinen Kommentar „Herzlichen Glückwunsch. Der Jagdtrieb deines Hundes ist in etwa so ausgeprägt wie der einer Klobürste.“ Einen Hund, der jagdlich nicht wirklich interessiert ist von einem Hasen abzurufen ist wie wenn ich Maya von einem fliegenden Ball oder spielenden Hunden abrufe. Für viele Hunde eine Herausforderung, bei uns kein Problem. Weil meine Hunde sich einfach nichts draus machen.

Hat man es dann geschafft. Schafft man es tatsächlich nach jahrelanger, harter Arbeit, viel Schweiß und Tränen, seinen Jagdhund – und ich meine wirklich Jagdhund – aus der Hatz zu stoppen. Was dann? Es wird belächelt und der Hund als leicht erziehbar abgestempelt. Leute, die nicht eine Minute ihrer kostbaren Zeit in die Erziehung und Auslastung ihres Hundes stecken, vergleichen sich plötzlich mit mir und erklären mir, dass ihr eigentlich leichtführiger Hund ein besonders schwer erziehbares Exemplar ist und dass der ja niemals so gehorchen würde wie meine. Liebe Leute, meine Hunde tun das auch nicht aus Gefälligkeit. Ich hab mir das erkämpft und das meine ich so wie ich es sage.

Bei Wild vergisst man sich. Passe ich den richtigen Moment nicht ab, kann ich zusehen wie Kito sich in den Gerüchen auf dem Boden verliert, sodass ich mir manchmal nicht sicher bin ob er mich ignoriert oder ob er mich in diesem Moment tatsächlich nicht hört – etwa so wie wenn man mit dem Kopf unter Wasser taucht. Einen jagdlich ambitionierten Hund sicher zu führen bedarf mehr als einen sauberen Rückruf. Man muss seinen Hund lesen, in jeder Situation, in jeder Sekunde, kleinste Jagdansätze im Keim ersticken und dem Hund die ganze Nichtjägerei auch noch schmackhaft machen, wo sie ihm doch einen so tollen Rausch bereitet.

Manchmal wünsche ich mir einen leichtführigen Hund. Der nicht viel diskutiert, nicht hinterfragt und einfach Spaß daran hat mir zu gefallen. Einen Hund der sich nicht viel aus Wild macht, für den der Tag nicht gleich gelaufen ist, weil irgendwo ein Hase rennt oder eine frische Spur kreuzt. Ein Jagdhund kommt mir nicht mehr ins Haus – das denke ich oft. Und dann ist da wieder dieser kleine Funken Faszination, wenn der Hund voll und ganz in seinem Trieb aufgeht – und sich trotzdem für mich entscheidet.

 

5 Kommentare

  1. Das hast du wirklich toll geschrieben! Und ich finde es bemerkenswert, wie viel Arbeit, Zeit und wahrscheinlich auch Nerven in die Erziehung deiner Hunde gesteckt hast. Respekt!

    Ich kann allerdings nicht wirklich mitreden…Amber findet – vokalem Raben – zwar interessant, aber mittlerweile glaube ich nicht, dass sie einen ausgeprägten Jagdtrieb empfindet. Es macht ihr vielleicht Spaß, aber meistens sieht sie die Raben erst, wenn sie weg fliegen. Sie schnüffelt, aber wirklich Fährte aufnehmen und ab durch die Mitte, macht sie nicht – ich denke das bleibt auch so ;)

    Die meisten Menschen die ich beim Spaziergang kenne, fragen mich ob Amber denn abhaut, da wir die Schleppi dran haben. Ich erkläre den Leuten dann, dass ich den Rückruf trainiere und ich sie so ja auch auf Entfernung berichtigen kann…dann werde ich seltsam angeschaut und die Leute gehen mit ihrem Hund weiter. Oder besser ohne ihren Hund, denn der rennt meistens erst los, wenn sein Zweibein fast nicht mehr zu sehen ist oder sich die Seele aus dem Leib gerufen hat. Da denke ich mir dann, die Schleppi wäre bei denen auch ein guter Partner.
    Bisher ist es mir erst einmal passiert, dass eine Frau gesagt hat, dass sie das Training gut findet, es aber selbst nicht geschafft hat. Sie war aber auch die einzige Person, die beim Weggehen ihren Hund an die Leine genommen und weggeführt hat – er wäre ohne Leine eh nicht mitgegangen.

    Meiner Meinung nach ist es wichtig seinen Hund zu kennen. Man sollte seinen Hund einschätzen können und je nachdem komme ich mit seinem (untrainierten) Verhalten klar, oder ich arbeite daran.

    Aber bei Hundehaltern ist es auch nicht anders. Es wird lieber vor der Haustür anderer Hundehaltern gekehrt, als vor der eigenen – leider.

    Liebe Grüße,
    Carolin mit Amber

    1. Da hast du vollkommen recht! Den meisten Leuten reicht es eben, wenn der Hund nach dem fünften Rufen mal kommt (oder nicht) und sie machen sich nichts draus, wenn er mal quer über den Acker einen Hasen verfolgt oder Vögel aufscheucht und dann wieder umdreht, wenns ihm in den Kram passt..
      Ich habe eben andere Ansprüche und von nix kommt nix ;-)
      Aber wenn ich eins bezüglich Kommentare anderer Hundehalter gelernt hab, dann ist das „hier rein, da raus“ sonst ärgert man sich nur ;-)

  2. Huhu
    sehr schöner Post :) Meine Vi hasst es am meisten, wenn andere Hunde sammt Flexileine (nix gegen Flexileinen und Hunde die erzogen sind) bellend auf uns zugelaufen kommen und die Halter meinen…. ich hab mein Hund ja an der Leine und irgendwann kann man ja die „Stop-Taste“ drücken! Ich finde das auch nicht so gut, weil ich dann immer voll unsicher werde… Aber mein Jagttrieb ist so lala würde ich sagen. Ich verfolge schon gerne Spuren aber meine Vi kann mich auch abrufen… klappt nicht immer perfekt, aber wir sind ja auch noch jung und in der Ausbildung ;) Wir üben auch ganz viel und manche Menschen schauen uns dann immer ganz komisch an… Uns ist das egal…. sollen sie doch alles denken was sie wollen!
    Schlabbergrüße Bonjo

  3. Toller Bericht und so unglaublich nachvollziehbar! Ich weiss nicht wie oft ich rollende Augen oder ein müdes Lächeln bekommen habe.

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