Rennen die weg?

Bei dieser Frage weiß ich meist nicht ob ich meine Mithundemenschen nun über Hundeerziehung aufklären soll oder einfach schmunzle, ja sage und weiter gehe. In der Tat wird mir diese Frage von Leuten, die wir noch nicht kennen recht häufig gestellt. In einer Welt, in der Sitz, Platz und ein mehr oder weniger zuverlässiges Hier einen wohlerzogenen Vierbeiner machen, muss die Arbeit mit der Schleppleine wohl auf besonders hartnäckige Fälle hinweisen. Schwer erziehbare Vierbeiner mit Tendenz zur Flucht und einem Leinenende, das sich nicht anders zu helfen weiß.

Schließlich ist die verhasste Schleppleine bei den meisten, die sie widerwillig nutzen mehr eine Hinderung am Wegrennen, viel weniger ein Arbeitsmittel. Hund hat nicht gehorcht, man hat gehört eine Schleppleine soll Abhilfe verschaffen, lässt sich zwei Wochen an der Schlepp durch die Gegend ziehen, macht sie wieder ab, Hund rennt bei nächster Gelegenheit der Nachbarskatze hinterher. Die Nummer mit der langen Leine wird also als „haben wir versucht, hat nicht geklappt“ verbucht, der Hund läuft hier und da mal frei, geht hier und da mal jagen und landet letztendlich an der Flexi-Leine. Man hat es ja versucht. Und sooo schlimm es ist ja nun auch wieder nicht. Er kommt ja wieder und meistens ist er auch nur um die zehn, zwanzig Minuten weg. Ja, darüber freuen sich die Leute. Auch wenn der Hund in sechzig Metern Entfernung den Acker auf links dreht, schnuffelt er doch nur. Wenn ich mich hier und da mit jemandem unterhalte, dessen Hund jagdlich mehr oder weniger ambitioniert ist, erzählt der mir tatsächlich voller Stolz, dass sein Hund keine Stunden in der Pampa verschwindet und dass er nach zwölf mal Trillern und vier mal Brüllen – wenn er denn dann will – zurück kommt. Das sei ja die Hauptsache. Dann gibt’s ein Tatschi-Tatschi auf den Kopf und schnell den Keks hinterher, bevor Herr Hund wieder abdampft. „Der hört gut“ heißt es dann von meinem grinsenden Gegenüber voller Stolz. Tief durchatmen heißt es für mich. Nicht mein Problem. Nicken, lächeln, weiter gehen.

Meine Definition eines gut erzogenen Hundes sieht dann doch ein kleines bisschen anders aus, meine Ansprüche an meine Hunde und mich sind enstprechend hoch. Seit fast eineinhalb Jahren ist die Schleppleine bei uns so normal wie das Amen in der Kirche und wird von Bekannten wohl schon als zusätzlicher Körperteil meiner Hunde wahrgenommen. Als wir mit dem Training begannen war unser großes Ziel die Kontrolle am Wild – dass das mit gleich zwei Kalibern der Sorte Jagdschwein eine Herausforderung sein würde, war mir durchaus bewusst. Wir haben trainiert was das Zeug hält und über die Zeit gesehen riesige Fortschritte gemacht, sodass nach etwa einem dreiviertel Jahr die Schleppleinen auf den Boden fielen um dem Freilauf ein Stück näher zu kommen und die Leinen allmählich abzubauen.

Obwohl meine Hunde für meinen Begriff wirklich gut hören, konnte ich mich lange Zeit nicht so recht von den verhassten Schleppleinen trennen. Ich muss gestehen, dass ich nicht nur selbstkritisch bin, sondern generell auch häufig nur das Schlechte sehe und grundsätzlich vom Schlimmsten ausgehe. Es scheint also als seien die Leinen inzwischen vielmehr für mich notwendig – als vorgegaukelte mentale Sicherheit – als für die Hunde. Jegliche Gedanken des Abbaus der Schleppleine wurden von Zweifeln verdrängt. Was ist wenn nun doch ein Hase direkt vor unserer Nase hochschießt, was wenn dies oder das oder jenes passiert… das könnte ich ja noch verbessern oder dies nochmal vertiefen. Bullshit.

Manchmal ist es wohl hilfreich sich einmal die Fakten ganz neutral aufzuschreiben. Wann hatte ich die Schleppleinen tatsächlich zuletzt in der Hand? Wieviele brenzlige Situationen gab es im besagten Zeitraum? Wieviele Wildbegegnungen sind negativ verlaufen? Letztendlich habe ich also festgestellt, dass Maya und Kito schon seit geraumer Zeit „frei“ laufen, wir während dieser Zeit einige Hasenbegegnungen hatten, die allesamt ohne Einwirkung einer Leine, meist sogar ohne Notwendigkeit eines Abrufs verliefen und meine Hunde im Grunde ziemlich entspannt unterwegs sind. Wieso mache ich mich mit meinem Hang zur Perfektion weiter verrückt? Eine hundertprozentige Sicherheit wird es nie geben, da kann ich die Schleppleinen dran lassen so lange ich will. Also, weniger grübeln, einfach machen und meinen Hunden vertrauen. Weg mit den ollen Schleppleinen – wir sehen uns dann in der Brut- und Setzzeit! Und jetzt? Die Hunde laufen den kompletten Spaziergang über frei, bleiben bei mir wenn ich es möchte, halten stetig Kontakt, lassen Hunde und Spaziergänger friedlich passieren und machen ein Rufen meinerseits fast überflüssig. Natürlich ist nicht immer alles perfekt. Aber was ist das schon? Also nein – die rennen nicht weg. 

 

13 Kommentare

  1. Das hast du sehr, sehr schön geschrieben und ich finde es toll, dass du dich jetzt endlich getraut hast, die Schlepp zu verbannen ;-) Maya & Kito hören so toll, da können sich andere Hundehalter eine dicke Scheibe von abschneiden. Mir hat mal einer einen tollen Tipp zum Jagen gegeben … Ich zitiere „Ich bleibe einfach so lange hier stehen, bis er wieder kommt!“ *aha* ;-) Und vorgestern, als ich Lilly nassgespritzt habe, meinte ein Dame mit knurrendem und in der Leine hängenden Hund zu mir, wie ich nur könnte und warum ich Lilly nicht stattdessen ein Leckerchen geben würde! Genau meinte ich, damit sie sich so verhält wie Ihrer, oder was ;-)! Ja, manchmal muss ich auch mal was sagen. Aber ganz ehrlich mittlerweile sehe ich es wie du. Ich höre mir das Gelaber an und sehe zu, dass ich schnell weiter komme! Jetzt bin ich zwar vom Thema abgekommen und was ich eigentlich sagen wollte ist, ihr könnt verdammt stolz auf euch sein! Du hast so viel erreicht und vor allem kannst du jetzt allen ungehorsamen Hunden und uneinsichtigen Menschen mit einem fetten Grinsen begegnen ;-)

    Liebste Grüße

    1. Achja, immer diese herrlichen Tipps! Mir wurde mal von einem Terrier-Frauchen erzählt, dass sie einfach immer Bällchen wirft, seitdem würde der Hund nicht mehr jagen gehen. Klingt für mich dann doch eher nach Unterforderung als nach Jagdtrieb und nicht wirklich sinnvoller Beschäftigung. Aber nunja.. meine Hunde würden mich auslachen, wenn ich mit einem Balli käme ;-) Aber jedem das seine, nicht wahr?
      Danke für eure lieben Worte :-)

  2. Hallo und Guten Morgen, super geschrieben! Ein respektabler Trainingserfolg, auf den Du zu Recht stolz sein kannst. Den meisten Leuten gehen Grundsätze der Trainingslehre völlig ab oder sie sind zu faul, sich damit zu befassen. Da wird dann halt mal alles ausprobiert, was der Markt so zu bieten hat und der hat ganz schön viel in dieser Hinsicht zu bieten, nicht nur Schleppleinen. Die Leidtragenden sind immer die Tiere, im Pferdebereich ist das ja keinen Deut besser, die diese Unwissenheit und dieses Unverständnis auszubaden haben. Einfach nur schrecklich…

    Grundsätzlich vom Schlimmsten ausgehen, das kenne ich *grins*. Und wie oft schon hat das eine Situation schlimmer gemacht, als sie ist. Meine mentalen Befindlichkeiten bleiben Linda natürlich nicht verborgen und sie wird entsprechend darauf reagieren. Sich gegenseitig vertrauen lernen ist mitunter ein langer Weg, aber ein lohnender. Es braucht eben alles die Zeit, die es braucht…

    LG Andrea

    1. Da sagst du was! Besonders bei Kito habe ich mir durch meine negative Einstellung schon das ein oder andere Eigentor geschossen. Maya ist ein Brocken, die kann das ab wenn ich mal nicht so gut drauf bin, wobei natürlich jede Lücke, jede Schwäche ausgenutzt wird. Aber Kito ist so wahnsinnig sensibel, dass er sich eine Zeit lang richtig von mir distanziert hat. Ich war mir nicht wirklich bewusst woran es lag und wurde immer frustrierter, so schnell hat man dann seinen Teufelskreis. Ich stand so auf dem Schlauch, dass erst unser Trainer draufgucken musste, der mir dann etwas auf die Sprünge half, dass der Kerl einfach spürt wie frustriert ich bin und dann eben dicht macht. So lernt man aus seinen Hunden und wächst weiter zusammen :-)

  3. Hallo Cosima, Kito und Maya! Toll geschrieben und Du sprichst mir aus der Seele. Auch wir arbeiten mit unserem Parson Terrier an der Schleppleine und hören ewig den gleichen Spruch „Ach, der läuft wohl weg“. Und wenn er z.B. an der Leine nicht so amüsiert ist, wenn freilaufende Hunde in ihn reinrennen, dann hören wir „Ach, der ist wohl aggressiv.“ Ich grüße mittlerweile nur noch freundlich, blocke den fremden Hund und gehe weiter. Dank der Schleppleine sind auch wir mittlerweile so weit, dass ich ihn im Gelände immer öfter frei laufen lassen kann. Neulich begegnete mir im Wald ein Mann mit einem Jack Russell, ohne Leine, mit Glöckchen und meterweit voraus. Sein Besitzer rief mir dann entgegen „So sind sie die Russells, 600 Meter in den Wald rein, daher das Glöckchen. Das müssen Sie doch auch kennen.“ Da habe ich dann aber doch gesagt „Nein, das kenne ich nicht.“ Und da habe ich auch gemerkt, dass ich einen anderen Anspruch habe. Und das ist auch gut so.

    LG Gabriela

    1. Wie schön, dass es doch Leute gibt, die ähnlich denken wie ich :-)
      Ich finde es unmöglich, dass die Leute ständig alles auf die Rasse ihres Hundes schieben, anstatt sich einzugestehen, dass sie vielleicht einfach etwas faul sind. Und wenn man dann hart trainiert und etwas erreicht, weil man wirklich fleissig und konsequent war, dann heißt es wiederum, dass der Hund eben nicht so schwer zu erziehen sei. Aber was soll’s – hier rein, da raus ;-)

  4. Super geschrieben und ich kann es soooooo nachvollziehen! Wir trainieren aktuell auch wieder mit Schleppleine, da meine Hündin ein Angst-Aggressions-Problem hat und bei vielen Hundenbegegnungen der Meinung ist, dass sie eigentlich ein Rottweiler mit Riesenmut ist und in Wirklichkeit ist sie ein kleiner, piefiger Terrier mit Hasenangst. Ich werde oft belächelt und als „Hippie“ verschrien, aber das ist mir auch wurscht. Du machst das total richtig und es ist toll, dass ihr so weit gekommen seid. Ich wünschte mir manchmal, dass ich meine Hündin ganz am Anfang als ich sie (2nd hand) bekommen habe, mal gefilmt hätte, wie sie in der Leine hing und sich die Seele aus dem Leib gebellt hat. Damit ich den Vergleich habe zu heute.. denn ich bin genauso unzufrieden und denke auch oft, dass wir null voran kommen. Es kostet eben alles ganz viel Geduld, Kraft und Ausdauer.. Und es ist schön bei dir zu lesen, dass es nicht nur uns so geht. ;) Ganz liebe Grüße Rebecca und Pixie

    1. Ich habe in der ganzen Zeit viel gefilmt und jedes Hundetraining im Blog niedergeschrieben. War in der Tat hilfreich, das mal wieder anzuschauen, wenn man mal wieder meint, dass man nicht voran kommt. Es geht eben immer auf und ab, aber man muss sich immer mal wieder vor Augen führen was man schon alles erreicht hat. Das wird bei euch nicht anders sein. Geduld, Kraft und Ausdauer sind die richtigen Begleiter für diesen Weg ;-) Man muss einfach dranbleiben!

  5. so schön geschrieben!
    glg

  6. Ich habe von unseren 5-m-Schleppleinen immer mal wieder ein paar Zentimeter abgeschnitten, wenn ich das Gefühl hatte, dass die Hunde einen Trainingsfortschritt gemacht haben. So haben wir uns alle sukzessive „entwöhnt“ :-) Heute gehen wir in Feld und Wald mit Kurzschleppe. So kann ich zwischendurch einfach mal die Leinen aufnehmen, wenn ich den Eindruck habe, dass es nötig ist. Durch die Schleppleine haben die Hunde sich aber wunderbar daran gewöhnt, sich in diesem 5-m-Radius um mich herum aufzuhalten. Für meine Terrier lohnt sich das auch, denn sie werden von mir während unserer Spaziergänge mit Such-, Apportier- und Hetzspielen beschäftigt. So haben sie sowieso das Gefühl sie wären auf der Jagd, wenn es auch nur nach Dummys ist. Wild ist für uns kein Thema. Andere Hundehalten finden es allerdings oft befremdlich, dass meine Hunde keinen „Freilauf“ haben. Damit können wir aber gut leben.
    Also: Schleppleine finden wir -richtig eingesetzt- richtig gut!
    Beste Grüße aus Terrierhausen

  7. Hallo Ihr Lieben,

    da das Thema wirklich spannend ist, und unsere Mia seit der neue Erdenbürger in der Familie ist und sie ja nicht doof ist und gleich verstanden hat das Frauchen beim Spaziergang jetzt nicht mehr 100% bei ihr sein kann nutzt sie das jetzt gerne mal aus und zieht große Kreise und kommt auch nicht mehr so sicher wie zuvor – also Schleppleine dran und wieder daran erinnern wie es richtig ist :-)
    Aber da ist mir aufgefallen das es mich mal interessieren würde wie ihr das genau gehandhabt habt mit der Schleppleine – vielleicht hat euer Frauchen ja Lust mal einen Bericht darüber in der Kategorie „Was ist eigentlich RICHTIGES SCHLEPPLEINENTRAINING“ zu schreiben :-)

    LG u genießt den Sonnenschein

    1. Jaja, die gute alte Schleppleine…aber wenn Frauchen mal nicht richtig guckt, MUSS man das ja ausnutzen!
      Wir werden unserem Frauchen die Sache mal vorschlagen, vielleicht schreibt sie ja mal was dazu :-)

      Liebe Grüße, Maya & Kito

      1. Ja da habt ihr allerdings so was von RECHT!! Man wird förmlich gezwungen es auszunutzen, der kleine Erdenbürger ist ja super, ich find‘ den total klasse, aber beim Spaziergang lenkt der Frauchen doch tatsächlich manchmal ab und dann… naja, kann ich manchmal meinem Trieb nicht wiederstehen Spuren auf dem Acker zu folgen…. komisch begeistert ist sie dann nicht!
        Na dann schlagt das eurem Frauchen mal vor – ich finde das zwar nicht so dolle – Frauchen freut sich aber sicher rieeeeesig!

        Wuff Mia

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