Projekt Gelbe Schleife – weil Rücksichtnahme die Ausnahme geworden ist

Von rücksichtslosen Hundehaltern, die ihren Hund völlig gleichgültig überall hinrennen lassen, kann ich ein Lied singen. Der soll ja seine Freiheit haben und schließlich möchten die Hunde sich ja auch mal Guten Tag sagen. Außerdem tut der ja nix. Ich persönlich glaube ja nicht, dass meine Hunde jedem „Köter“ am Po schnuffeln möchten und selbst wenn – dann gibt es eben Momente, in denen ICH das nicht möchte. Woher aber soll der Hund nun wissen, wann ein Kontakt okay ist und wann nicht? Leute, die Hundekontakt in der Regel völlig unkontrolliert stattfinden lassen, haben dann im Ausnahmefall – wenn der böse Fiffi von nebenan des Weges kommt oder er es vielleicht gerade eilig hat – einen protestierenden, in der Leine hängenden Hund, der die Welt nicht mehr versteht, wieso er denn jetzt nichtmal Guten Tag sagen darf. „Nein Bello, heute nicht! Du weißt doch, dass wir gleich einen Tierarzttermin haben. Morgen dürft ihr wieder spielen!“. Ja, sowas erzählen die Leute ihrem Hund allen Ernstes und sicherleich wird der Hund Verständnis haben, jetzt wo Frauchen ihm ja erklärt hat, dass sie einen Termin haben und er dafür aber morgen wieder darf. Schon klar.

Wieso der ganze Stress? Es kann doch so einfach sein, wenn man seine Hunde einfach ein bisschen erzieht. Natürlich brauchen Hunde soziale Kontakte, aber von unkontrolliertem aufeinander zu brettern haben meine Hunde genauso wenig wie ich. Also entscheide ich, wann ich Kontakte zulasse und wann nicht. Und erst wenn meine Hunde aufmerksam und ruhig neben mir gehen, gebe ich sie frei – oder eben nicht. Und da fängt für die meisten Hundehalter schon das Problem an. Wohlwissend ob der Ignoranz der Hundeleute, die uns hier und da begegnen, platziere ich mich plakativ mit den Leinen samt Hunden in der Hand im Acker um den entgegenkommenden Hund inklusive Anhängsel passieren zu lassen. Scheinbar ist mein Abdriften ins Rübenfeld aber nicht Zeichen genug für „wir möchten heute keinen Kontakt“. Natürlich kommt Struppi erstmal zu uns und während ich versuche meine Hunde unter Kontrolle zu halten, fuchtel und gestikuliere ich wild herum um den unerwünschten Besucher zu verscheuchen. Was macht dessen Frauchen? Trödelt ganz entspannt des Weges, schielt mal kurz zu uns rüber, grinst blöd und lallt irgendwas von wegen tut nix, brav und das übliche Palaber. Ja vielen Dank auch, Sie haben mir grad die Übung verkackt denke ich mir, überlege kurz und entscheide mich dann doch für’s Schweigen und einen finsteren Blick. Wie oft habe ich mir diesbezüglich schon den Mund fusselig geredet, aber was man auch sagt, man spricht bei jenen Hundehaltern gegen eine Wand. Obwohl, die hätte vermutlich noch mehr Verständnis für mein Anliegen.

Vor nicht allzu langer Zeit – als ein Hundemädchen namens Maya bei uns einzog – eignete ich mir als frischer Hundehalter das ein oder andere Grundwissen an. Und ich meine mich finster daran zu erinnern, dass es Gang und Gäbe war, dass man seinen Hund anleint, sollte ein ebenfalls angeleinter Hund den Weg kreuzen. So habe ich es bisher jedenfalls gehandhabt. Kommt ein Hund an der Leine entgegen, rufe ich meine Hunde zu mir und da haben sie dann zu bleiben sofern ich nichts anderes sage, fertig. Es wird schon einen Grund haben wieso der Kamerad an der Leine ist. Und dann gibt’s da ja auch noch die gute alte Kommunikation. Anstelle des unnötigen „der tut nix“ oder „der will nur spielen“ würde ich persönlich mich wirklich sehr über ein „ist es ok, wenn ich ihn laufen lasse oder soll ich ihn besser anleinen?“ freuen. Wäre das nicht mal eine tolle Abwechslung? Obwohl ich ja eigentlich finde, dass eine Leine diese Frage fast überflüssig macht, wäre das in der Tat sehr erfrischend. Nunja, man soll ja Träume haben, nicht wahr?!

Diese sind bei mir wohl inzwischen zerplatzt wie die sprichwörtliche Seifenblase. Denn jeder, wirklich jeder lässt seinen Hund ungehindet auf meine zudonnern. Und das oft, bevor überhaupt irgendwo ein passender Zweibeiner zu sehen ist. Und wenn dieser nette Wauwau dann mit Gebrumm und Bürste auf uns zustürmt, dann bin ich mir relativ sicher, dass der nun nicht unbedingt in Spiellaune ist. Doch die Ausreden des Besitzers muss ich mir in diesem Fall ja nicht anhören, denn der ist noch meilenweit entfernt hinter dem nächsten Acker und macht sich keine Mühe. Er sieht ja schließlich, dass sein Hund Freunde getroffen hat. Wie schön. Früher habe ich in solchen Situationen gewartet bis Mister Hundeprofi seinen Wauz endlich einsammelt. Heute gehe ich meines Weges und lege dabei gern mal noch einen Zahn zu, während Hundi seinen neu gewonnen Freunden folgt. Sind ja auch viel interessanter als Herrchen. Ihr glaubt ja gar nicht wie schnell die Leute plötzlich sein können.

Generell verstehe ich nicht wieso die schreckliche Leine so negativ behaftet ist. Natürlich ist es toll, wenn der Hund sich frei bewegen kann. Wenn ich jedoch erzähle, dass meine Hunde nun schon seit einem knappen Jahr ausschließlich, immer, immer, immer an der Leine sind, wundere ich mich beinahe schon, dass mir noch niemand einen Ast über den Kopf gezogen hat. Leidende Blicke und blankes Entsetzen sind in die Gesichter jener Leute geschrieben, denen ich unsere Trainingssituation erkläre. „Aber die müssen doch rennen“ höre ich dann. Überraschung, mit Schleppleine lässt es sich prima rennen und die gefürchtete Auslastung, die all jene leinenlosen Hunde durch rumstreunern bekommen (das denken zumindest deren Halter), läuft bei uns primär über Kopfarbeit, denn vom rumlaufen allein wird kaum ein Hund müde. Auch mit Leine kann man spielen, schnuffeln und Hund sein. Und wie sagt man so schön: Ein Jahr Leine schenkt dem Hund zehn Jahre Freiheit. Denn erst wenn meine Hunde zuverlässig in allen Situationen kontrollierbar sind, werden die Leinen allmählich abgebaut, mit der Hoffnung, dass ich diese dann auch nur noch selten brauchen werde.

Auch wenn ich mich mit meiner Ansicht meistens doch recht einsam fühle, gibt es natürlich Hundehalter, denen diese unkontrollierte „Guten-Tag-Sagerei“ genauso auf den Sack geht wie mir. Krankheit, Aggression, Angst, es gibt etliche Gründe, weshalb ein Hund möglicherweise keinen Kontakt haben sollte. Die Idee? Man müsste etwas einführen, das Hundehalter darauf aufmerksam macht, dass ein Hund – aus welchem Grund auch immer – mehr Abstand braucht. „Die Gelbe Schleife“ war geboren. Diese soll sich in Zukunft an der Leine eines solchen Hundes befinden und entgegenkommenden Freiheitsfetischisten signalisieren „Kollege, ab an die Leine, meiner mag nicht spielen“. Jubel, Freude, Heiterkeit war die Reaktion bei einem Großteil der Hundehalter. Was für eine super tolle Idee! Geht’s eigentlich noch? Sollte nicht eigentlich die Leine an sich Zeichen für ebendiese Rücksichtnahme sein? Hat es denn nicht einen Grund, wieso ein Hund an der Leine ist? Nein, dafür braucht man eine gelbe Schleife. Früher oder später – vorausgesetzt das Schleifchen etabliert sich überhaupt so gut, dass auch der letzte Depp bescheid weiß – wird man dann auch diese missachten oder „übersehen“ und irgendwann montieren wir unseren Hunden dann blinkende Warndreiecke auf den Rücken. Zum mangelnden Verständnis kommt dann meist auch noch die Faulheit der Menschen hinzu, denn die wissen ja, dass sie ihren Hund nicht zurückgerufen bekommen, wenn potenzielle Spielkameraden entgegen kommen. Alternative wäre konsequente Erziehung und erstmal eine zeitlang Leinenpflicht und das ist ja nun wirklich zu viel des Guten. Also ruft man zweimal, lässt ihn dann aber einfach, man will sich ja nicht völlig blamieren. Was würde eine gelbe Schleife da nun nützen? Nada. Das Leben unter uns Hundeleuten samt Vierbeinern könnte doch echt entspannt sein, wenn man seinen Hund ein bisschen erziehen und ein wenig aufeinander achten würde.

Ich jedenfalls werde mich weder auf die Hundeführerqualitäten der anderen Leute, noch auf alberne gelbe Schleifen verlassen. Der einzige Weg, entspannt durch jegliche Hundebegnungen zu gehen, ist doch die Verlässlichkeit auf den eigenen Vierbeiner. Meine Hunde wissen, dass ein herannahender Hund keine Einladung zum Losrennen ist. Vielmehr haben sie gelernt, dass sie sich in solchen Situationen an mir zu orientieren haben. Und wie entspannt ist es denn bitte, wenn man seine Hunde in Ruhe absitzen lassen kann und währenddessen den unerwünschten Gast einfach wegscheucht?! Ja, sowas ist machbar, aber natürlich muss man etwas dafür tun. Würden bloß mehr Leute so denken, gäbe es wohl weniger Reibereien zwischen Hunden und ihren Haltern und auch keine gelben Schleifen. Aber eine Besserung ist in der Hinsicht wohl kaum zu erwarten. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt auf die blinkenden Warndreiecke :-)

Achso, und eine Alternative zur gelben Schleife hätte ich auch. Wie wäre es denn hiermit?

Wenn du einen Hund mit einer Leine siehst, ist das ein Hund, der ein wenig Abstand benötigt. Bitte laß deinen Hund nicht an ihn heran. Halte bitte Abstand oder laß diesem Hund und seinem Herrchen/Frauchen Zeit, dir aus dem Weg zu gehen.

Ich finde es wirklich schade, dass für eine Sache, die eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist – gegenseitige Rücksichtnahme – ein solches Hilfsmittel notwendig ist und in erster Linie gerade jene, die tatsächlich Rücksicht nehmen und ihren Hund erziehen möchten, die „Leidtragenden“ sind. Trotzdem bin ich gespannt wie das gelbe Schleifchen sich in der Hundewelt durchsetzen wird.

 

8 Kommentare

  1. Ach ja, die gelbe Schleife. Die kennen wir auch. An der Leine anbringen? Warum? Kennt hier sowieso keiner. Wir werden uns also weiter so durchkämpfen und wenn dann doch ein Hund zu Lilly gerannt kommt und Lilly einen (nicht ganz zu unrecht) Pöbelrückfall bekommt, dann hören wir uns die Standpauke an, was Lilly für ein furchtbar böser und unerzogener Hund sei … Die meisten Hunde werden leider sich selbst überlassen und dürfen tun und lassen, was sie wollen. Aber es tut gut zu wissen, dass man nicht alleine dasteht und es wirklich noch Menschen gibt, denen die Erziehung ihres Hundes am Herzen liegt :-)

    Ach ja, und danke noch mal für den Tipp mit der kurzen Leine und dem Spielen … werden wir morgen direkt ausprobieren ;-)

    Liebste Grüße und lass dir das Wochenende nicht vermiesen,
    Lilly & ihr Frauchen

    P.S.: Beim zweiten Foto dachte ich kurz „Huch, die kennst du doch!“ ;-)

    1. Bei uns wurde ja auch gern mal gepöbelt, oder aber ungeduldig zu anderen Hunden hingezogen. Üben konnten wir auch nie wirklich, weil ja immer jemand in die Quere kam. Jetzt muss ich sagen, klappt es inzwischen so gut, dass ich meine Hunde absitzen lasse, wenn uns wieder ein Rüpel entgegenschießt, ich vorgehe, dem Kamerad klarmache, dass er in unserem Rudel nichts verloren hat und weiter geht’s. Meine Hunde warten und lassen mich die Situation regeln.
      Gerade heute stand plötzlich ein Boxer auf unserem Grundstück… ich hab das Frauchen schon rufenderweise näher kommen hören, aber hat natürlich nichts gebracht. Also kam der Gute in üblicher Boxer-Manier auf uns zu gedonnert. Hat sich von mir aber doch ganz gut beeindrucken lassen :-) Mir dann auch egal was die Leute sagen, von wegen ich würde ihre Hunde schubsen oder sonstwas. Dann sollen sie eben aufpassen, fertig. Da wird eine gelbe Schleife nichts ändern, es geht doch eigentlich um die Einstellung der Leute.
      Jedenfalls bin ich froh, dass nicht nur ich das so sehe und dass es Leute gibt wie euch, die ihre Hunde gewissenhaft erziehen.

      Und wegen des Tipps: gern geschehen! Bin gespannt wie es klappt!

      Liebe Grüße, Cosi

      PS: Ach stimmt, die mit den Punkten könntest du kennen ;-)

      1. Bei uns klappt es mittlerweile auch immer besser, Lilly lässt sich schön absitzen, schaut mich an und lässt den anderen Hund vorbei – immerhin schon mal ein großer Fortschritt … leider scheinen die Hunde bei uns im Winter alle in den Süden geflüchtet zu sein ;-) und so werden wir das wohl wieder erst so richtig im Frühling weiter trainieren können. Ich bin aber guter Dinge :-)

        Das Spielen und Apportieren an der Leine hat heute übrigens richtig gut funktioniert und ich bin gespannt, ob sich das schon bald an der Straße bemerkbar machen wird :-)

        Ich wünsche dir und deinen kalten Nasen noch ein schönes Wochenende, liebste Grüße,
        – Lilly’s Frauchen –

  2. Wir sind ganz deiner Meinung!

    Genau durch Tutnixe ist mein halbes Jahr Anti-Bell-Training kaputt gegangen,
    gerade bei meinen kleineren Hunde ist es wichtig Rücksicht zunehmen,
    sehen nur wenige so. Schade drum.

    Finde die Gelbe Schleife toll vom Gedanken, aber denke nicht,
    dass sie sich durchsetzt… leider.

    Liebe Grüße

  3. Ingrid mit Daska sagt: Antworten

    Du hast einen wunderbaren Blog. Ich lese ihn nun schon eine ganze Zeitlang und bin beindruckt, wie gut, konsequent und intensiv Du das Training mit Deinen beiden liebenswerten eigenwilligen Hunden durchziehst. Und auch Deine interessante, witzige und informative Berichterstattung finde ich bewundernswert. Ich bin auch der Ansicht, daß es schon einen Grund hat (den ich nicht unbedingt kennen muß), wenn ein Hund angeleint ist und es dann selbstverständlich sein sollte, den eigenen Hund auch anzuleinen und vielleicht auch mit Abstand an dem anderen vorbeizugehen. Eine gelbe Schleife wird die Ignoranten sicherlich nicht davon abhalten, ihren Hund weiterhin dahin laufen zu lassen, wo er hin willl. Es müßte außer der erforderlichen Hundehaftplichtversicherung auch eine Pflicht für Hundehalter geben, zumindest 10 Pflichtstunden Theorie und Praxis zu absolvieren, damit zumindest ein Basiswissen vermittelt werden kann. Diejenigen, die sowieso mit ihrem Hund trainieren um einen umgänglichen, verträglichen und zuverlässigen Gefährten zu haben, hätten sicherlich nichts dagegen. Mit meiner nun 1-jährigen Hovi-Hündin bin ich auch ständig am Üben, sie hat schon sehr gut gehört, aber da sie eben in einer Flegelphase ist, muß ich das Trainig auch gerade etwas intensivieren.
    Liebe Grüße
    Ingrid mit Daska

  4. ♥ …hui….
    das war jetzt aber ne geballte Ladung….
    aber du hast mir hier total aus dem Herzen gesprochen!!!!
    Das mit der gelben Schleife kenne ich hier in der Schweiz gar nicht,
    aber hab das auf einem Hundeblog mal gsehen… weiss gerade nicht mehr bei wem…
    hm… icih kenne das leidige Thema nur allzu gut…
    wohne in einem Ferientouristen ort…. und hier kommen viele,
    die dann einfach denke, so wir sind in den Bergen….
    jetzt kann unser Hund frei laufen…
    …das mit der Leine kennt hier dann auch niemand mehr… schade….
    Du hast das so schön geschrieben… echt toll!
    Grüssen euch ganz lieb,
    Nathalie mit Sindy

  5. Katherina & Mio sagt: Antworten

    Liebe Maya, liebe Cosima

    vielen, vielen Dank für diesen tollen Artikel!!!
    Ihr sprecht uns aus der Seele: Egal ob man zu Seite geht und absitzt oder sogar den Weg wechselt – irgendein „ach so braver Hund“ kommt immer angerannt, gerne auch mal knurrend oder mit gestellten Haaren und aus 50 Meter Entfernung ruft’s „der will nur spielen!“
    Grade im Moment – wo altersentsprechend eben immer die Schleppleine dran ist – ist sowas elend nervig.
    Danke, dass ihr so deutlich für’s Rücksicht nehmen und anleinen plädiert :-)

    Liebe Grüße & bis bald :-)
    Katherina, Mio & Finchen

    1. Auch wenn es traurig ist, dass es so viele rücksichtslose Menschen gibt, ist es doch immer wieder schön zu wissen, dass auch solche gibt, die sich Gedanken und Mühe machen – auch wenn man es so sicher schwerer hat. Immer weiter so ;-)

      Viele Grüße und bis bald,
      Cosi, Maya & Kito

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